Mittwoch, 1. April 2009

1.2 Entdeckung der Sinnlichkeit

Törleß schließt sich aus "Angst vor allzu subtilen Empfindeleien" Beineberg und Reiting an, deren Wesen ihm als "gesund, kernig und lebensecht" (S. 15) vorkommt. Grund für diese verhängnisvolle Gesellschaft sieht der Erzähler in Törleß' "Unselbstständigkeit" (15).
Auseinandersetzung mit der Welt des Sinnlichen. Sinnlichkeit bedeutet für Törleß nicht nur Triebhaftigkeit und Sexualität, sondern auch Phantasie, Empfänglichkeit für äußere Eindrücke, eine neue Art, die Wirklichkeit zu sehen und zu erfahren, die letztlich seine "Verwirrungen" bedingt. Törleß erkennt im Verlauf des Geschehens, dass diese Sinnlichkeit zu seiner Persönlichkeit gehört und sie aufwertet.
Besuch bei Bozena: diese Besuche waren "zu seiner einzigen und geheimen Freude geworden" (40): Anpassung an seine Kameraden; der Wunsch, der Einsamkeit zu entfliehen; Verlangen nach Abenteuer, Abwechslung, Verbotenem; erwachende Sexualität.
Bozena ist für ihn ein Knäuel aller geschlechtlichen Begehrlichkeiten und bringt seine Sexualtität zur Entfaltung. Bozena symbolisiert die Distanz zu der gepflegten bürgerlichen Welt der Eltern und ist die Kontrastfigur zu Törleß' Mutter. Sie füllt die nach dem Verlust der Mutter entstandene Einsamkeit aus. Der verbotene und verruchte Bereich bildet für ihn den notwendigen emotionalen und psychischen Gegenpol zur ordnungsgemäßen Schulausbildung.

1.3 Die beiden Welten

Durch Bozenas anzügliche Bemerkungen über Damen der gehobenen Gesellschaft ahnt Törleß, dass auch seine Mutter etwas mit der niederen Sinnlichkeit zu tun haben könnte, die bis jetzt lediglich Bozena für ihn verkörperte.
Zwiespalt: Törleß kann Bozena und die Mutter nicht mehr voneinander trennen. Er fühlt sich zwischen zwei Welten zerrissen: einer soliden bürgerlichen und geregelten (Vernunft) und einer abenteuerlichen (Dunkelheit, Geheimnis, Blut, ungeahnte Überraschungen).
Die Existenz dieser zweiten Welt wird Törleß erst durch Basinis Diebstahl vollends bewusst. Verknüpfung Basinis mit Bozena. Beide sind Träger des gleichen Grunderlebnisses: Verbindung der beiden Welten. Keine schaf getrennten Bereiche, sondern Möglichkeiten des menschlichen Existierens, die in jedem angelegt sind.

1.4 Sexualität

Sexualität ist ein Beispiel für die Aufspaltung zweier menschlicher Bereiche. Eine homosexuelle Beziehung zu Basini wäre nicht entstanden, wenn Törleß sich nicht in einer sinnlichen und intellektuellen Krise befunden hätte.
Sexueller Objektwechsel: Mutter -> Phase der Einsamkeit -> Bozena -> er selbst (99) -> Basini.
Es geht nicht spezifisch um Homosexualität, sondern um die allgemeine Form der Sexualität: "Statt Basini könnte ein Weib stehen [...]."
Verbindung des sexuellen Motivs mit der Ästhetik. Der Erzähler vergleicht Basinis Schönheit mit den "nur schönen, von allem Geschlechtlichen noch fernen Formen eines jungen Mädchens" (155). Törleß kann sich "der Macht dieser Schönheit nicht entziehen". (140)
Vorübergehend verliert Törleß sich in dieser Welt der neuentdeckten Sinnlichkeit. Sie reißt ihm " mit einem Schlaf ein Tor zum Leben auf" (156). Phantasie und Wirklichkeit kann er nicht mehr unterscheiden: "alles in einem einzigen [...] Gefühl vereint, das er in der ersten Überrraschung wohl für Liebe nehmen mochte" (158).
Entfernung von Basini: Törleß erkennt, dass Basini "nicht mehr als ein stellvertretendes und vorläufiges Ziel" (155) seines Verlangens war. Sein "früheres Begehren" (156) "wuchs zu einem neuen, ziellosen Hunger über Basini hinaus" (155).
Später erkennt Törleß, dass Sinnlichkeit nur ein weiterer Versuch war, sein Ziel der Integration der beiden Welten zu erreichen. Nicht die Realität hat zwei Gesichter, sondern es gibt zwei Möglichkeiten, diese wahrzunehmen.

1.5 Ethik und Ästhetik

Durch Basini gewinnt Törleß eine ästhetische Einstellung gegenüber dem Leben und der Wirklichkeit.
Reaktion auf Misshandlungen Basinis: Ekel und Faszination.
Törleß beteiligt sich verbal an den Quälereien, nach dem sexuellen Verhältnis verhält er sich passiv, bleibt in der Rolle eines unbeteiligten Beobachters, der das interessante Experiment verfolgt, wozu Menschen fähig sind.
Die Prügelszene nach Beinebergs gescheitertem Hypnose-Experiment widert ihn an. Er äußert seinen Unmut (179). Törleß lehnt das Verhalten Reitings und Beinebergs aus ästhetischen Gründen ab, aber auch wegen des fehlenden Erkenntnisgewinns. Ihr Verhalten trägt nicht mehr zu seiner Selbstfindung bei.
Auch Basini braucht er nicht mehr. er weist ihn, als dieser ihn um Hilfe anfleht und sich auf ihre Beziehung beruft, kalt zurück. Grundzug elitärer Unmenschlichkeit.

1.6 Sprachkrise und Motto

Törleß hat das Problem, Empfindungen und Erkenntnisse nicht adäquat ausdrücken zu können (S. Gespräch mit Mathematiklehrer, ..).
Parkerlebnis: Törleß schaut in den Himmel und bemerkt, "wie hoch" (87) er ist -> Offenbarung des verstandesmäßig unerklärlichen Wesen des Unendlichen als eine neue bedrohliche Erfahrungswirklichkeit.
Versagen der Worte. Unendlichkeit des Himmels: erkenntnistheoretische Problematik des Romans.
Schreibversuche: Törleß beginnt seine philosophischen Gedanken aufzuschreiben, um über sich selbst Klarheit zu gewinnen. Aber: "die geschriebenen Worte blieben tot." (131)
Überwindung der Sprachnot: Törleß leidet an der Unzugänglichkeit seines Inneren bis zu dem Punkt, an dem es ihm gelingt, den Lehrern sein Problem ansatzweise darzustellen. Die Überwindung der Sprachnot ist ein Zeichen seiner abgeschlossenen Entwicklungsphase. Törleß hat sich damit abgefunden, dass rationale Sprache nicht fähig ist, Erscheinungen, Erlebnisse und Gedanken mit angemessenen Begriffen wiederzugeben.

Motto: Das vorangestellte Zitat des belgischen Dichters Maurice Maeterlinck verdeutlicht diese skeptische Grundhaltung Musils der Sprache gegenüber. Sprache und Realität verhalten sich zueinander wie das Bruchstück zum Ganzen. Nur eine dichterisch-intuitive Erkenntnishaltung kann zum Ziel führen. Problematisierung der Sprache als Medium der Erkenntnis.

1.7 Die imaginären Zahlen und Kant

Problem mit den imaginären Zahlen: Mathematik verkörperte für Törleß bisher logische Operationen in einer überschaubaren Welt. Ihm ist nun völlig unverständlich, "dass man mit solchen imaginären oder sonst wie unmöglichen Werten ganz wirklich rechnen kann und zum Schluss ein greifbares Resultat vorhanden ist" (104).
Törleß spürt, dass Definitionen Gefühle nicht ausdrücken können. Er erkennt an diesem mathematischen Problem, dass auch die rationalste Wissenschaft anscheinend nicht frei von irrationalen Elementen ist.
Das Gespräch mit dem Mathematiklehrer ist unbefriedigend. Dieser verweist Törleß am Ende der ergebnislosen Diskussion auf Kant (109), mit der Bemerkung, in dessen philosophischem Werk fänden sich die gleichen "Denknotwendigkeiten" wie in der Mathematik.
Törleß versucht, Kant zu lesen, versteht ihn jedoch nicht.
Traum von Kant: Veranschaulichung von Vernungt und Sinnlichkeit. "Seidene Decke, die über die Haut eines nackten Körpers hinuntergleitete" (121) -> Das Verschwinden der Vernunft entkleidet den Körper seines Schutzes. Unter der Vernunft liegt das Begehren.
Zwiespältige Empfindungen: Törleß sieht noch keinen Zusammenhang zwischen der geistigen und der sinnlichen Welt.

1.8 Exklusivität und Selbstfindung

Törleß hat während des gesamten Geschehens das Gefühl, auf Grund seiner Sensibilität, der "außerordentlichen Empfindlichkeit" (125) seines Wesens, etwas Besonderes zu sein und Welt und Menschen in einmaliger Weise zu sehen. Er glaubt, eine besondere Persönlichkeit zu besitzen. Er hat Empfindungen, Gedanken und Probleme, die andere nicht kennen. Dinge, die ihn befremden, die den anderen alltäglich erscheinen.
Er ist auf die besondere Art seiner Sinnlichkeit stolz.
Törleß muss seine "Verwirrungen" erkenntnistheoretischer, emotionaler, sexueller, ästhetischer und sprachlicher Art überwinden, um sich selbst zu finden.
Rede vor den Lehrern: Die Sprachnot ist weitgehend überwunden. Törleß quälen keine Schuldgefühle Basini gegenüber. Deswegen kann er das Ergebnis seiner Entwicklung in ausgeprägter Rhetorik vortragen. (192)
Törleß hat den Dualismus der beiden Welten überwunden. Er erkennt, dass es allein die "wechselnde seelische Perspektive" (198) ist, die die Welt fragwürdig erscheinen lässt.
Identitätsfindung: Törleß ist in einem Zustand der "kühlen Gelassenheit", als die Mutter ihn abholt. Er hat den Bereich der Sexualität voll in seine Identität integriert und kann nun auch seine Mutter als sexuelles Wesen sehen.
Törleß ist zu einer stark ichbezogenen, selbstbewussten, ästhetischorientierten Persönlichkeit gereift. Er hat seine "Verwirrungen" überwunden. Er fühlte sich im Institut "nicht mehr auf seinem Platz" (197) wegen seiner neuen Erkenntnishaltung und seines Exklusivitätsbewusstseins.